
eZine von Franz Holzer
seniorInnen-blog - Jose Saramago: ...eine schlechte Nachricht...
Bildquelle: Franz Holzer 2007 - der blaue Himmel (Photografie)
Ich war im Urlaub in Griechenland. Da fiel mir eine Zeitschrift in die Hände. Darin fand ich einen Artikel, den ich so bedeutend fand, dass ich ihn (übersetzt) hier wiedergeben möchte. Ich hoffe, dass durch die zweimalige Übersetzung nicht zuviel verloren ging. (Zeitschrift “Techni tis Zohs, Nr.7”)
Der folgende Text ist ein Auszug aus der Rede, die der portugiesische Schriftsteller und Nobelpreisträger Jose Saramago auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre im Januar 2005 hielt.
Ich muss ihnen eine schlechte Nachricht überbringen: ich bin kein Utopist. Und eine noch schlechtere: Ich erachte den Begriff der Utopie als nutzlos und negativ, so wie auch die Idee, dass wir nach dem Tod ins Paradies eingehen. Im folgenden werde ich versuchen aufzuzeigen, dass es eine Sache gibt, die organisch mit der Utopie verbunden ist, mit dem utopischen Denken oder mit dem heißen Verlangen der menschlichen Existenz das Leben nicht nur materiell, sondern auch geistig und ethisch zu verbessern: die Wiederbelebung, die Wieder-Neuerfindung der Demokratie. Bevor wir über Don Quichote sprechen, müssen wir sagen, dass für die fünf Milliarden Menschen, die im Elend leben, das Wort Utopie absolut bedeutungslos ist. (…)
In Wirklichkeit war Don Quichote kein Utopist. Tief drin ist er ein Pragmatiker in der besten Bedeutung des Wortes, denn dieses Wort kann auch eine gute Bedeutung haben. Sicher, Wörter können unglücklich gewählt sein. Wir tun mit ihnen, was wir wollen. Wenn ich sage, ich bin kein Utopist, muss ich aufrichtigerweise sagen, dass mir das Reden über Utopie nicht gefällt, denn sie ist eine Rede über etwas, was nicht existiert. Utopie ist, wie wir wissen, ein Nicht-Ort. Wir wissen weder welcher Weg dorthin führt, weder wann wir dort ankommen, noch ob wir dort ankommen werden, aber das Schlimmste ist ein furchtbares Missverständnis, dem alle anheim fallen, die über Utopie reden. Im tiefsten Sinn bedeutet Utopie, dass ich praktisch, als Mitglied einer Gesamtheit, bestimmte Dinge benötige, aber eine Vorahnung habe, dass ich sie jetzt nicht bekommen kann – weil die Feinde zu stark sind, weil mir die Mittel fehlen, weil die Früchte nicht reif sind – und deshalb sage ich: gut, nachdem ich sie jetzt nicht haben kann, werde ich sie irgendwann bekommen. (…)
Das große Missverständnis, dem alle unterliegen, ist, dass wir alles, was wir brauchen – und zu dem uns heute die Mittel fehlen – in die Zukunft verlegen, und etwas ganz Einfaches vergessen: Wenn das, wonach wir uns jetzt sehnen sich im Jahr 2043 materialisieren kann oder in 100-150 Jahren, wenn das, was jetzt für uns wunderbar wäre, die materialisierte Utopie, unsere Nachfahren in 100-150 Jahren haben können, wer garantiert uns, dass diese sich dann für das interessieren werden, wofür wir uns heute interessieren?
Ich meine, um es etwas einfacher, weniger rhetorisch und – wenn sie mir erlauben – weniger demagogisch auszudrücken, dass das einzige Gebiet, auf dem unsere Arbeit wirklich ein Ergebnis haben kann, dieses Ergebnis auch erkannt, diskutiert und von uns angefochten werden kann, der morgige Tag ist. Das Morgen ist unsere Utopie. Und durch die Arbeit, die wir heute tun, durch unsere kleinen Leben und der dazu gehörigen Hoffnung, dass wir morgen noch leben werden, wird das Morgen gebildet. Lasst uns nicht an Utopie denken.
Wenn Borges den “Pierre Menard, Autor des Quijote” schreibt, spricht er über einen Menschen, der sich der Pflicht widmet, den Don Quichote zu schreiben, trotz der Tatsache, dass dieser schon geschrieben wurde. Und er schreibt ihn mit genau denselben Worten, die Cervantes benutzte. Eine Verpflichtung, die so groß ist, dass sie unvollendet bleibt. Aber Borges fokussiert die Tatsache, dass Pierre Menard ein Buch schrieb, das anders war. Weil z.B. das Wort “Gerechtigkeit” für Cervantes Ende des 16. anfangs des 17. Jahrhunderts etwas anderes bedeutete als für uns heute.
Wenn es heute etwas gibt, das die Linke mehr benötigt als alles andere, ist es eine genaue Überprüfung der Begriffe. Wie ich vorhin sagte, sind Wörter sind unglückselig, sie existieren, damit wir sie benützen wie es uns gefällt, und das Schlimmste ist, dass jemand dasselbe Wort nicht nur dazu benützen kann unterschiedliche Dinge auszudrücken, sondern viel öfter sogar, vollkommen gegensätzliche. Deshalb sage ich, dass der erste Begriff, den die Linke sich wieder neu ansehen muss, der Begriff “die Linke” ist. Was ist heute die Linke und wo befindet sie sich? Ist sie hier? Klar ist sie hier. Aber im politischen Bereich sprechen viel Menschen von der Linken, als würden sie vergeblich den Beinamen Gottes anrufen. Ich hatte gesagt, dass ich es bevorzugen würde, das Wort “Utopie” aus dem Lexikon zu entfernen. Nein, lasst es dort bleiben, aber lasst es in Ruhe.
Es gibt noch eine andere Sache, die dringend neu untersucht werden muss: die Demokratie. Die Demokratie ist heute eine begrenzte, abhängige, verstümmelte Demokratie, weil die Macht der Bürger, die Macht eines jeden von uns, in der politischen Szenerie darauf begrenzt ist, eine Regierung zu verjagen die uns nicht gefällt und sie durch eine andere zu ersetzen , die uns vielleicht gefällt. Die großen Entscheidungen jedoch werden in einem anderen Bereich getroffen und alle wissen welcher das ist: die großen, internationalen Wirtschaftsorganisationen, der Internationale Währungsfond, die Weltbank, die Welthandelsorganisation. Und keine dieser Organisationen ist demokratisch. Wie können wir fortfahren über Demokratie zu sprechen, wenn die, die wirklich die Welt regieren, nicht demokratisch vom Volk gewählt wurden? (…)
(Thanasis Gialketsis)
am 14.09.2007 18:26
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