
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Die kleine und die ganz große Welt der „Kultur“ – nur was ist klein und was groß?
Bildquelle: Stift Stams - Fanfare zum Konzert, Foto Alfred Rhomberg 2006
Die Meinung, dass die Zahl ungebildeter Menschen größer sei, als diejenige der Gebildeten, spricht man aus verschiedenen Gründen nicht gerne laut aus. Erstens ist die Aussage banal, zweitens arrogant und drittens schämt man sich, weil es anscheinend so viele Menschen im Kulturtempel Europa gibt, die sich Bildung aus sozialen Gründen möglicherweise nicht leisten können. Mein soziales Umfeld in dem ich aufgewachsen bin, war nach Beendigung des zweiten Weltkrieges kläglich und lag deutlich unter dem heutigen Sozialhilfeniveau – allerdings ohne Sozialhilfe. Man konnte das leichter aushalten als in unserer Zeit, weil es fast allen so ging und diese Umstände waren auch kein Hindernis für Bildung. Was ich unter Bildung verstehe habe ich guten Schulen zu verdanken, die oft auch zu einer Art Bildungshunger animierten, den es heute immer seltener gibt und der eher auf ein berufliches Ziel ausgerichtet ist. Häufiger gibt es den Erlebnishunger, unbedingt nach Nepal, Indien oder irgendwohin zu reisen, was gerade „in“ ist – fast als wollte man vor der Eintönigkeit des Lebens fliehen, die man sich selbst schafft. Dass ich die nachfolgende Episode erzähle, verdanke ich der Anmaßung einer zunehmenden Erkenntnis, dass es manchmal angebracht ist, auch über Banales nachzudenken und sogar darüber zu schreiben.
Nach einem Konzert in Stift Stams (Tirol, Oberinntal 34 Km westlich von Innsbruck), das im Rahmen der Innsbrucker Festwochen für „Alte Musik“ (2006)1) ein Konzert geistlicher Musik Monteverdis für mich zu einem besonderen Erlebnis machte, fuhr ich mit dem für die Konzertbesucher eingesetzten Shuttle-Bus nach Innsbruck zurück und verpasste dort den letzten Autobus nach Igls, einem schönen Mittelgebirgsdorf oberhalb von Innsbruck. Ich fuhr also mit dem Taxi nach hause und war gezwungen, mir im Taxi ein Pop-Konzert von Robbie Williams in Wien anzuhören, welches mit Eintrittspreisen von bis zu € 170 erheblich teurer war als das Konzert, das ich gerade besucht hatte (Ticketpreis 6 bis 50 Euro). Einen Vergleich zwischen der musikalischen Qualität von Monteverdi und derjenigen von Robbie Williams zu ziehen, ist deswegen nicht erlaubt, weil man Unvergleichbares nicht miteinander vergleichen darf. Wenn man also die musikalische Qualität nicht vergleichen kann, so ist dies zumindest hinsichtlich der Eintrittspreise erlaubt. Für mich sind weder die hohen Eintrittspreise bei Massen-Events von Madonna oder Robbie Williams, noch die überschäumende Begeisterung der Besucher nachvollziehbar, aber das ist Geschmackssache (oder vielleicht doch nicht?). Eine Internetrecherche zur Versteigerung von Konzerttickets im August 2006 ergab damals, dass noch eine Karte für ein Madonnakonzert in Amsterdam für 149 Euro (Normalpreis im Ticketbüro 219), ein Platz für die kanadische Rockband Red Hot Chili Peppers für 160 Euro (mit Zuschlagspreis € 180) und, und, und….angeboten wurde. Viele Jugendliche können sich solche Preise offenbar leisten, beim Madonnakonzert in Düsseldorf am 20. August 2006 haben jedenfalls 45000 Besucher ihren Obulus entrichtet und dadurch ein Einspielergebnis von mehreren Millionen Euro ermöglicht.
Für die Finalspiele der Fußballweltmeisterschaft 2006 waren Preise von 120 – 600 Euro angesetzt. Die Ticketpreise für die olympischen Spiele 2008 für die Eröffnungs- oder Schlussfeier liegen zwischen 108 und 580 Euro (also deutlich billiger als in Athen 2004). Das sind zugegebenermaßen trotzdem noch Weltmeisterschaftspreise, die Salzburger Festspiele gelten aber auch als Weltereignis und die Preise für Opernaufführungen in der Felsenreitschule bewegten sich 2006 nur bei „bescheidenen“ 70 bis 360 Euro für die Mozartoper „La Clemenza di Tito“ (2008 zwischen 20 und 481 Euro für Opern, Konzerte sind wesentlich billiger). Solche Preise werden in breiten Kreisen der Bevölkerung als „zu teuer“ und Festspiele dieser Art als zu „elitär“ bezeichnet. Nun – Kultur ist wie gesagt Geschmackssache, aber ist es wirklich wichtig, im Stabhochsprung 5,05 Meter zu springen anstatt 5,01 Meter? Zur „Elite“ zu gehören gilt schon seit Jahrzehnten – außer beim Sport – fast als Schimpfwort, vielleicht zu Recht, weil auch Eliten heute nicht mehr das sind, was sie vielleicht einmal waren – sofern sie es denn waren.
Aber zurück zur Pop-Musik (man könnte die sogenannte „Volksmusik“ gleich miteinbeziehen): In meiner Jugend war Jazz „in“, auch wenn diese Musikgattung bei der älteren Bevölkerung nicht sehr beliebt war. Für guten Jazz spricht, dass die Beschäftigung damit später zu Johann Sebastian Bach führen kann – Popmusik und das was man heute unter Volksmusik versteht, werden kaum zu Bach führen, weil man sich damit nicht auseinandersetzen muss. Unabhängig vom Preis der Eintrittskarten wird diese Musik so konsumiert, wie alle anderen Produkte unserer Zeit. Sind das nicht doch Beispiele für den oft bestrittenen „Decline of the West“ (angelsächsische Bezeichnung für „Untergang des Abendlandes“)? Es ist jedenfalls kaum bestreitbar, dass die Welt der Anspruchslosen immer größer wird, auch wenn es selbstverständlich Ausnahmen gibt. Bleibt noch die Frage zu beantworten, warum das so ist. Die Antwort ist banal: wenn in Gehirne, welche die gleiche Aufnahmefähigkeit wie früher haben, weniger (oder falsches) hineingesteckt wird als früher, und das Wenige durch die – im Gegensatz zu früher – übermächtigen Medien so manipuliert wird, dass man Robbie Williams und Madonna (oder „Volksmusik“) unbedingt vergöttern muss, braucht man nicht weiter nach Antworten zu suchen.
(Alfred Rhomberg)1Die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik sind gleichzeitig elitär und nicht elitär – elitär hinsichtlich der Qualität der Musik jedoch ohne elitäre „Schickeria“. Es sind auch keine Festspiele für älteres „Bildungsbürgertum“ – die große Besucherzahl junger Leute beweist dies.
am 19.08.2008 12:22
